Fußball

Vom Feind zum zeitlosen Helden

Von Hartmut Scherzer, Rüdesheim

Trautmann und eine seiner zahlreichen Ehrungen

Trautmann und eine seiner zahlreichen Ehrungen

19. November 2008 Zuletzt führte der Spaziergang entlang der Playa Almenara. Das war vor 15 Jahren, kurz vor Bernd Trautmanns 70. Geburtstag. Diesmal sind die Weinberge der Abtei St. Hildegard im Rheingau Ort der Begegnung, kurz nach seinem 85. Geburtstag. Bei diesem Wiedersehen wird einem bewusst, wie schnell die Zeit vergeht. Bei Bernd Trautmann aber scheint sie stehengeblieben zu sein. Mit der gleichen geistigen Frische und körperlichen Fitness wie damals kommt der Senior daher.

Ein paar Falten mehr durchziehen das Haudegen-Gesicht. Die einst blonden Haare sind noch bleicher geworden. Doch mit seinem verschmitzten Lächeln verrät er: „Ich sehe für mein Alter vielleicht noch einigermaßen gut aus. Aber ich habe kleine Herzrhythmusstörungen. Und meine Hüften tun nach längeren Spaziergängen weh. Aber ich lasse mich nicht mehr operieren.“

In diesem Spiel wurde Trautmann zur Legende: FA-Cup-Final 1956
In diesem Spiel wurde Trautmann zur Legende: FA-Cup-Final 1956

Geehrter Draufgänger

In diesen Tagen ist der einstige Draufgänger im Tor von Manchester City wieder ins Bewusstsein der deutschen Fußball-Öffentlichkeit zurückgekehrt. Er feierte vor kurzem, am 22. Oktober, seinen 85. Geburtstag und wurde mit zwei hohen Ehrungen beschenkt.

Die Deutsche Akademie für Fußballkultur in Nürnberg verlieh ihm auf einer Gala den Walther-Bensemann-Preis – als dritter Fußball-Größe nach Franz Beckenbauer und Alfredo di Stefano. Anlässlich des Länderspiels Deutschland gegen England an diesem Mittwoch in Berlin zeichnet Theo Zwanziger, der Präsident des Deutschen Fußball-Bundes, den Ehrengast mit der DFB-Nadel mit Brillant aus.

Verbunden mit Rüdesheim

Das Seniorenpaar Trautmann hat sich mittlerweile weitgehend in sein Refugium in Spanien zurückgezogen. Mit seiner dritten Frau Marlies, einer gebürtigen und stadtbekannten Rüdesheimerin, lebt der gebürtige Bremer in einem Bungalow-Park bei Valencia direkt am Meer. „Wir kommen nur noch selten nach Deutschland, um, wie jetzt, alte Freunde in Rüdesheim zu besuchen.

Trautmann in Aktion

Trautmann in Aktion

Schließlich bin ich mit der Stadt seit 1972 verbunden“, erzählt Trautmann, und sein Blick schweift von den Rebstöcken hinab in die Rheinebene. Früher haben englische Touristen schon mal ihren Reiseleiter in Rüdesheim mit der Frage nach „Bert“ Trautmann in Verlegenheit gebracht. Engländer aus Manchester, zumal wenn sie „ManCity supporters“ waren, wussten, dass ihr Idol hier lebte.

Die Hand der Königin

Wie die Zeit vergeht, mag vielleicht auch Königin Elisabeth II. gedacht haben, als sie anlässlich ihres Deutschland-Besuches im Oktober 2004 Bernd Trautmann wegen dessen Verdiensten um die britisch-deutschen Beziehungen zum „Honorary Officer of the Most Excellent Order of the British Empire“ ernannte. Davor hatte die Queen aus offiziellem Anlass Trautmann zuletzt am 5. Mai 1956 in der königlichen Loge des alten Wembley-Stadions die Hand gereicht, dem Torwart des Cup-Siegers Manchester City.

Legendärer Sportler: Bernd Trautmann

Legendärer Sportler: Bernd Trautmann

Dass Trautmann die Ehrung mit gebrochenem Genick entgegennahm, wusste in diesem Augenblick noch niemand. Auch er selbst nicht. Einundzwanzig Tage später trug er als Ehrengast des Länderspiels Deutschland gegen England in Berlin ein groteskes Gipskorsett, das auf dem Kopf aussah wie eine preußische Pickelhaube. Das Länderspiel 1956 und nun 2008 – für Trautmann schließt sich nach 52 Jahren der Kreis des außergewöhnlichen Fußballspielerlebens.

Halswirbel glatt durchbrochen

Bei einer im wahrsten Sinne des Wortes halsbrecherischen Rettungstat im Cup-Finale 1956 gegen Birmingham City wurde Trautmann zwanzig Minuten vor Schluss vom Schussbein Peter Murphys mit voller Wucht am Nacken getroffen. Bewusstlos blieb er liegen. 100 000 Zuschauer hielten im Wembley-Stadion den Atem an. Doch der Deutsche rappelte sich wieder auf, spielte weiter, lief nach dem 3:1 die Ehrenrunde mit, drückte der Queen die Hand, hielt den Cup in den Händen und wusste nicht, dass die Schmerzen im Nacken von einer schlimmen Verletzung herrührten. Erst vier Tage später wurde bei einer Röntgenuntersuchung festgestellt: Fünf Halswirbel waren ausgerenkt, der zweite war glatt durchgebrochen.

Sein Leben hing an einem seidenen Faden. Sechs Monate später stand der Tausendsassa wieder im City-Tor. Erst acht Jahre danach, im Alter von 41 Jahren, gab der neben Lew Jaschin weltbeste Torwart jener Epoche nach 639 Spielen in 15 Jahren für Manchester City seinen Abschied in einem rauschenden „Testimonial Match“ an der Maine Road. 47 951 Zuschauer, damals Rekord für ein „Farewell Game“, verabschiedeten „Bert“, so sein Vorname in England, mit stehenden Ovationen. Vom Kriegsgefangenenlager Camp 50 hatte der deutsche Soldat und einstige Feind über den Amateurklub FC St. Helens den Aufstieg ins Tor von Manchester City geschafft und wurde 1956 als erster Ausländer zum englischen „Fußballspieler des Jahres“ gewählt.

Engagement gegen Rassismus

Heute noch gibt es hin und wieder in Manchester einen „evening with Bert Trautmann“. Solche Treffen würde er auch gern in Deutschland veranstalten, „mit einem schwarzen Spieler, der aus eigenem Empfinden klarmacht, mit welchen Diskriminierungen einer wie er immer noch konfrontiert wird“. Trautmann verurteilt bei den Zusammenkünften Rassismus und Vorurteile im Fußball, plädiert für Integration und appelliert an Fairness und Bescheidenheit. Die Liebe zu „ManCity“ ist allerdings etwas abgekühlt, seit dort ausländische Investoren das Sagen haben. „Die alten verdienstvollen Spieler dürfen sich nicht mehr in die Legend Lounge treffen“, erzählt Trautmann. Es klingt enttäuscht.

An diesem Mittwochabend in Berlin wird er wehmütig an jenen Wunsch erinnert, der nie in Erfüllung ging. „Einmal wenigstens hätte ich gern für Deutschland gespielt.“ Aber Trainer Sepp Herberger wollte den „Engländer“ nicht.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AP, dpa, picture-alliance / dpa/dpaweb

 

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