18. November 2008 Deutschland gegen England. Ein großes Duell. Aber wo sind die großen Namen? Deutschland ohne Ballack, Frings und Lahm. England ohne Rooney, Lampard, Gerrard, Owen und Beckham. Nationalmannschafts-Manager Bierhoff macht vor dem Klassiker an diesem Mittwoch im Berliner Olympiastadion kein Hehl daraus, dass ihm etwas fehlen wird. Allerdings nur, wenn er sich die Mannschaft von Trainer Capello anschaut. Die Engländer werden etwas schwächer sein. Das kann man ja gar nicht anders sagen“, befand der ehemalige Nationalspieler.
Über das eigene Team würde er so etwas natürlich nie sagen. Denn Bundestrainer Löw hat zwar vornehmlich der personellen Not gehorcht (mit Lahm, Fritz, Jansen und Pander musste er aus gesundheitlichen Gründen gleich vier Außenspieler unberücksichtigt gelassen), aber den Kader für das letzte Länderspiel des Jahres nutzte er sogleich als programmatischen Hinweis für die Zukunft. Es ist ein Signal des Aufbruchs, ein Signal an die Jugend. Denn trotz der vielen Verletzten soll nicht der Eindruck des letzten, sondern des jüngsten Aufgebots entstehen. Es wird eine sehr schwierige Aufgabe. Aber wir sind Deutschland. Wir wollen gewinnen“, sagte Verteidiger Arne Friedrich. Der Berliner ist 29 Jahre alt. Er ist nach Klose der älteste Spieler des Kaders, der wie nach dem verstaubten Sponti-Motto zusammengestellt sein könnte: Trau keinem über 30.

Bewährungschance für Jones
Das beste Beispiel für die jugendbewegte Berliner Aufführung Jogi und seine Jungs“ ist der Einsatz von Jermaine Jones, der als unverbrauchter Neuling gilt und gegen England von Beginn an im defensiven Mittelfeld zum Einsatz kommen wird. Er soll so etwas wie das aggressive Frings-Double geben, nur schneller und dynamischer.
Aber der Schalker ist in dem Kader mit den ganz realen Neulingen wie den beiden Hoffenheimern Compper und Weis sowie dem Wolfsburger Schäfer mit seinen 27 Jahren schon der drittälteste Profi in der Auswahl des Bundestrainers. Ich freue mich, dass er in so einem tollen Spiel die Chance erhält“, sagte Löw über die Startnominierung des Schalkers, der bei den beiden vergangenen Länderspielen gegen Wales und Russland nur den undankbaren Platz auf der Tribüne zugewiesen bekam, wo er im Dortmunder Westfalenstadion anders als sein Schalker Teamkamerad und Sitznachbar Kevin Kuranyi 90 Minuten verbrachte statt zu desertieren. Es ist das erste Spiel des ehemaligen Frankfurters in der Startelf. Die Nominierung sei auch Lohn für das untadelige Verhalten von Jones bei diesen sportlich harten Entscheidungen.
Kein vorheriger Kader war so zukunftsweisend
Im Kader zum Jahresausklang gegen England ist weit mehr Aufbruch angelegt als in der Auswahl, die im Sommer noch um die Europameisterschaft spielen durfte. Neben Jones gehörten damals auch Helmes und Marin zu den drei Spielern die beim Löw-Casting in Mallorca noch durch den Sichtungstest fielen, nun aber allesamt dabei sind, Jones und vermutlich auch Helmes sogar von Beginn an. Es hat unter diesem Bundestrainer noch keinen Kader gegeben, der sich so zukunftsweisend ausnahm.

Kann Jones sein Glück nicht fassen? Der Schalker darf erstmals vom Feld aus der Nationalhymne lauschen
Dass die Partie gegen England zwar nur unter der Rubrik Testspiel läuft, hat nicht viel zu bedeuten. Die besondere Rivalität macht die Begegnung in Berlin, wo die deutsche Nationalmannschaft in ihrer langen Geschichte alle sieben Länderspiele gegen England verlor, zu einem simulierten Ernstfall – zumal vom Abschlussspiel 2008 eine nicht unerhebliche psychologische Wirkung erwartet wird. Die Partie gegen England ist für uns enorm wichtig, weil sie das Jahr beendet und wir auf einen großen Rivalen treffen. Wir wollen 2008 erfolgreich abschließen, damit wir mit einem positiven Gefühl in das neue Jahr starten können“, sagte Manager Bierhoff über die erhoffte Langzeitwirkung einer straff verjüngten Auswahl.
Nach den Querelen der vergangenen Wochen und Monaten mit den Auseinandersetzungen um Kuranyi (siehe: Kevin Kuranyi: Vom Popstar zum Deserteur ), Frings und Ballack soll der Klassiker gleichzeitig als Schlussstrich und Ausrufezeichen wirken. Löw machte seinem Team daher am Dienstag nach dem Kurzbesuch bei Bundeskanzlerin Angela Merkel in einer rund zehnminütigen Ansprache klar, was er vom Team bis zur Weltmeisterschaft 2010 erwarte - und wohl insbesondere von seinen beiden Rebellen Ballack (siehe: Michael Ballack im F.A.Z.-Interview: Frings' Rücktritt wäre schlimm) und Frings (siehe: Nationalelf: Bankdrücker Torsten Frings denkt an Rücktritt). Alle wirkten sehr einsichtig“, gab Bierhoff zu Protokoll. Es war aber nicht so, dass Jogi Löw die beiden noch mal durch die Manege geführt hat.“ Diese Dinge seien längst in den persönlichen Gesprächen geklärt worden.(siehe auch: Simon Rolfes im Gespräch: Torsten ist nicht da, aber auch nicht weg und Fußball-Kommentar: Auf dem Prämiengipfel)
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AP, ddp
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