Im Gespräch: Nationalspieler Simon Rolfes

„Torsten ist nicht da, aber auch nicht weg“

Simon Rolfes: “Die Engländer nun in Berlin zu schlagen wäre auch eine wunderb...

Simon Rolfes: "Die Engländer nun in Berlin zu schlagen wäre auch eine wunderbare Sache"

18. November 2008 Simon Rolfes kämpft um einen Stammplatz im Nationalteam. Der 26 Jahre alte Kapitän von Bayer Leverkusen konkurriert dabei mit Torsten Frings um die Position im defensiven Mittelfeld. Mit der Tabellenführung im Rücken fühlt sich Rolfes vor dem Länderspiel gegen England in Berlin bestens gerüstet.

Im FAZ.NET-Interview spricht Rolfes über die Diskussion um Ballack und Frings, seine Ziele mit Leverkusen und die Bedeutung eines Sieges gegen England.

“Es zeichnet eine gute Mannschaft aus, dass sie aus solchen Situationen gestä...
„Es zeichnet eine gute Mannschaft aus, dass sie aus solchen Situationen gestärkt hervorgeht”

Haben Sie es sich so einfach vorgestellt, Torsten Frings zu verdrängen und Tabellenführer der Bundesliga zu sein?

Torsten ist zwar nicht da, aber er ist auch nicht weg. Er gehört jedoch weiter zur Nationalmannschaft, auch wenn er jetzt mal nicht im Kader für das Spiel gegen England steht. Und natürlich ist es für mich jetzt ein besonders schönes Gefühl, zur Nationalmannschaft zu reisen: als Tabellenerster mit Bayer Leverkusen. Es ist klar, dass ich die Entwicklung, die ich mit dem Verein gemacht habe, nun auch in der Nationalmannschaft nehmen möchte.

In den letzten Wochen gab es nur ein Thema in der Nationalmannschaft: die Kritik von Ballack und der angedeutete Rücktritt von Frings. (siehe: Michael Ballack im F.A.Z.-Interview: „Frings' Rücktritt wäre schlimm“und Nationalelf: Bankdrücker Torsten Frings denkt an Rücktritt) Wie haben Sie die Diskussion wahrgenommen?

Simon Rolfes (r., im EM-Spiel gegen den Türken Akman): “Ich will jeden Tag ze...

Simon Rolfes (r., im EM-Spiel gegen den Türken Akman): "Ich will jeden Tag zeigen, dass ich die nötige Qualität habe."

Es war schon komisch, dass in einer nationalmannschaftsfreien Zeit so viel über die Nationalmannschaft geredet wurde. Ich denke, dass es gut ist, dass das Thema jetzt vom Tisch ist. Wir müssen uns endlich wieder auf sportliche Themen konzentrieren.

Kapitän Ballack hatte angemahnt, dass junge Spieler erst noch ihre Qualitäten zeigen müssten, wenn es drauf ankäme. Ob sie das schafften, sei nicht sicher. Damit durften sich wohl vor allem Thomas Hitzlsperger und Sie angesprochen fühlen?

Rolfes (r., mit Henrique) ist mit Leverkusen ganz oben: “Jetzt kann ich das m...

Rolfes (r., mit Henrique) ist mit Leverkusen ganz oben: "Jetzt kann ich das mal als Tabellenerster mitmachen"

Das sehe ich völlig neutral und nicht auf mich und meine Position bezogen. Man weiß doch vor einem Turnier nie, wie es laufen wird. Da muss sich jeder beweisen. Da ist es ganz egal, ob man neu dabei ist oder schon acht Jahre zum Team gehört. Ich will jeden Tag zeigen, dass ich die nötige Qualität habe.

Manche fürchten, die Diskussionen könnten bis zur WM 2010 zu einem Bruch in der Mannschaft führen, dass die Gräben nicht zu schließen seien.

Rolfes (l.) gegen den Schalker Ernst “Schnell spielen, direkt spielen, flach ...

Rolfes (l.) gegen den Schalker Ernst "Schnell spielen, direkt spielen, flach spielen"

In einer Mannschaft gibt es immer Differenzen und Reibung. Es zeichnet eine gute Mannschaft jedoch aus, dass sie aus solchen Situationen gestärkt hervorgeht, dass sie sich neu findet. Ich bin überzeugt, dass uns das gelingt. Ich werde mich weiter ganz normal verhalten. Ich versuche meine Ziele zu verwirklichen und mich ins Team einzubringen.

Wie haben Sie die Ansprache des Bundestrainers an die Mannschaft erlebt?

Der Bundestrainer hat zum Jahresabschluss klare Worte gefunden und uns seine Erwartungen mitgeteilt.

Wie wirkt sich bei Ihnen das Selbstbewusstsein eines Tabellenführers aus?

Man kommt immer selbstbewusst zur Nationalmannschaft, aber es ist ganz ehrlich noch mal etwas anderes, als Tabellenführer anzureisen. Das macht eindeutig noch mehr Spaß. Wir quatschen ja auch immer über die Tabellenposition, und es gibt den einen oder anderen Spruch. Jetzt kann ich das mal als Tabellenerster mitmachen. Auf dem Platz macht man mit Selbstbewusstsein einfach instinktiv das Richtige. Ich spiele freier, lockerer, und wenn man sich dann zum Beispiel in einer Situation drehen muss, dreht man sich zur richtigen Seite. Das ist einfach so, wenn es läuft und alles leichter geht.

Können Sie Ihr Gefühl und Ihr Spiel auch ganz genau auf die Nationalmannschaft übertragen?

Wir spielen in Leverkusen etwas anders als hier – selbst wenn wir grundsätzlich die gleiche Philosophie verfolgen: nach vorne spielen, schnell spielen, flach spielen. Also ist meine Aufgabe im Verein auch etwas anders. In Leverkusen bin ich allein als Mittelfeldspieler vor der Abwehr, wir spielen verstärkt durchs Zentrum mit drei Mann im Mittelfeld vor mir. Da spielen wir öfter auch klein-klein. In der Nationalmannschaft ist das Spiel im Mittelfeld breiter angelegt, wir spielen mehr auf einer Linie, das Spiel ist klarer. Die Umstellung ist aber nicht schwierig. Denn in beiden Mannschaften wird guter Fußball gespielt.

Was ist guter Fußball für Sie?

Schnell spielen, direkt spielen, flach spielen, den Ball haben, nicht den Gegner agieren lassen. Das machen wir in Leverkusen und in der Nationalmannschaft. Aber man muss unterscheiden: Ein Turnier ist etwas anderes als die WM-Qualifikation. Wir wollen natürlich das Spiel bestimmen, aber bei einem Turnier wie zuletzt der EM ist jedes Spiel viel wichtiger, man ist noch mehr auf das Ergebnis bedacht. In der Qualifikation setzt sich auf Dauer ganz sicher die Mannschaft durch, die dominant spielt und agiert. Da tut ein Gegentor oder eine Niederlage nicht ganz so weh wie bei einem EM-Turnier. Deswegen haben wir da mehr auf Ergebnis gespielt, nicht auf Schönheit. Aber wir wollen eine Entwicklung machen, nach der wir dann auch in die Weltmeisterschaft gehen und sagen können: Wir können auch im Turnier immer dominant auftreten – und gewinnen.

Ihr Vereinstrainer Bruno Labbadia hat alle Spieler nach ihren persönlichen Ziele gefragt, um sie alle in das Team zu integrieren. Was haben Sie ihm gesagt?

Mein Ziel ist es, dass wir in der Bundesliga ganz weit vorne stehen.

Meister? Oder darf man das Wort in Leverkusen nach den vielen zweiten Plätzen nicht mehr sagen?

Doch. Ich will mit Leverkusen einen Titel gewinnen, ganz klar. Und in der Nationalmannschaft will ich die Nummer eins auf meiner Position werden. Das sehe ich beides als logische nächste Schritte an.

Was hat Labbadia dazu gesagt?

Er findet das gut und meint, das müssten auch meine nächsten Ziele sein. Er unterstützt mich sehr.

Hat Ihnen der Fußball schon mal so viel Spaß gemacht wie in diesen Monaten?

Es gab immer wieder gute Zeiten, aber jetzt spielen wir in Leverkusen sehr guten Fußball, wir haben sehr gute Spieler – es macht schon wahnsinnig viel Spaß. Ich habe noch nie in einer so guten Mannschaft gespielt.

Was spricht angesichts der Erfahrungen der Vergangenheit diesmal für die Leverkusener Meisterschaft?

Die Klasse der Mannschaft und die individuelle Klasse sind sehr hoch. Diesmal haben wir keine internationale Belastung. Das war ja in der vergangenen Saison auch ein Grund, weshalb wir die letzten Spiele nicht mehr gewonnen haben. Am achtletzten Spieltag sind wir nur mit sechs Punkten Rückstand nach München gefahren. Aber dann kam der Einbruch. Ein Fernglas brauchen wir diese Saison sicher nicht.

Sie würden sich also nicht wundern, wenn der deutsche Meister Leverkusen heißt?

Ich würde mich nicht wundern, wenn wir diese Saison konstant auf diesem hohen Niveau spielen. Aber bis zum Titel ist es noch ein weiter Weg. Jetzt ist erst einmal der Weg entscheidend. Hoffenheim sollte man auf keinen Fall unterschätzen. Und ich freue mich, dass zwei Mannschaften, die solch schönen Fußball spielen, in der Tabelle oben stehen. Es ist gut für den Fußball, wenn attraktiver Fußball belohnt wird.

Und was haben sich die Leverkusener, Hoffenheimer und die anderen für den Klassiker gegen England vorgenommen?

Es hat schon sehr viel Spaß gemacht, in England – und dazu noch in Wembley – zu gewinnen. Mit dieser Rivalität zwischen Deutschland und England wächst man als Fußballer ja auf. Und die Engländer nun in Berlin im Olympiastadion zu schlagen wäre auch eine wunderbare Sache. Das wollen wir uns alle nicht nehmen lassen.

Das Gespräch führte Michael Horeni.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: ddp, dpa

 

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