20. November 2008 Der Staat dürfe nicht jedem Unternehmen unter die Arme greifen, das in der Krise steckt, meint Henning Kagermann. Mehr verspricht sich der SAP-Chef von Steuersenkungen und Investitionen in die Breitbandnetze. Für die Zukunft der Softwarebranche müsse aber auch mehr Geld in Bildung gesteckt werden.
Herr Kagermann, Banken lassen sich vom Staat stützen, Autobauer betteln die Regierung um milliardenschwere Bürgschaften an. Was wird die Elite der deutschen Hochtechnologie von der Bundeskanzlerin auf dem dritten Nationalen IT-Gipfel in Darmstadt am Donnerstag alles fordern?
Es gibt für uns keinen Grund, die Politik um etwas zu bitten, was sie uns nicht zu geben braucht. Denn ich sehe die IT-Branche nicht am Tropf der Regierung, nicht heute und nicht morgen. Die Hochtechnologie lebt an erster Stelle von Innovationen und guten Produkten, nicht von Staatshilfen. Natürlich werden wir auf dem IT-Gipfel über die aktuelle wirtschaftliche Lage reden. Doch vornehmlich werden wir der Bundeskanzlerin das zeigen, wovon wir glauben, dass es für die Zukunft des Standorts Deutschland wichtig ist.
Was wird das sein?
Hochtechnologie für den Alltag: Softwarebasierte Systeme zur Steigerung der Energieeffizienz etwa; oder ein rechnergestützter und robotergetriebener Katastrophenschutz; auch die Zukunft des Internets als eine umfassende Dienstleistungsplattform, unser Projekt Theseus, steht ganz oben auf der Agenda.
Andere kämpfen in der Gegenwart um ihr wirtschaftliches Überleben, und Sie blicken in die ferne Zukunft und reden von Katastrophenschutz?
Sicherheit ist immer eine Kernaufgabe, und innovative IT-Lösungen können einen wichtigen Beitrag dazu leisten. Zugleich dürfen wir nicht aufhören, in die Zukunft zu investieren. Lassen Sie mich als studierten Physiker die gegenwärtige Lage mal so charakterisieren: Es gibt Zustände der Stabilität, und es gibt Zustände der Instabilität. Momentan haben wir einen Zustand der Instabilität. Es ist vieles extrem schnell und auch für mich unvorhergesehen stark in Bewegung geraten. Doch aus diesen Bewegungen wird sich eine neue Ordnung entwickeln. Das wird wieder zu Stabilität führen. Der springende Punkt ist: Wir wissen nur nicht, wann das sein wird.
Glauben Sie, dass die Politik über kurz oder lang die Lage wieder stabilisieren kann?
Natürlich. Das hat doch die Überwindung so vieler schwerer Wirtschaftskrisen in der Geschichte gezeigt, vom Platzen der Südsee-Bubble um 1720 bis zur Finanzkrise in Asien 1998. Das Alleinstellungsmerkmal der heutigen Krise ist einerseits die Globalisierung, andererseits die digitale Vernetzung. Wir haben quasi eine global vernetzte Krise. Wenn in New York eine Bank zusammenbricht, gefährdet das in Chinas Industrie Hunderttausende Arbeitsplätze. Diese weitreichenden Dominoeffekte hat es bislang nicht gegeben. Hier darf man die Technik nicht aus dem Auge verlieren, und das tut die Politik auch nicht. In den vergangenen Wochen hat sie in Deutschland und Europa sehr gut reagiert und sehr viel geleistet. Ich finde, die haben in Berlin, Brüssel und Frankfurt hervorragende Arbeit gemacht.
Steht das Schlimmste aber nicht erst noch bevor? Rechnen Sie für das kommende Jahr mit einer Deflation?
Ob das Schlimmste noch kommt, weiß heute niemand. Die Gefahr einer Deflation besteht schon - keine Frage. Ich habe aber die berechtigte Hoffnung, dass die Politik in Europa am Drücker bleibt, dass sie notfalls abermals Maßnahmenpakete schnürt, um Abstürze zu verhindern. Gerade haben in Istanbul 47 führende europäische Industrie- und Technologieunternehmen erklärt, dass die europäische Wirtschafts- und Geldpolitik bislang hervorragend auf die Krise an den Finanzmärkten reagiert hat, dass sie zum Vorbild für andere Regionen geworden ist. Wir sind uns darüber aber auch einig geworden, dass wir weitere klare fiskalpolitische Schritte brauchen, um die Nachfrage aufrechtzuerhalten und die Kreditvergabe wieder in Gang zu bringen. Wir dürfen nationalen Protektionismus gar nicht erst aufkommen lassen und müssen durch gezielte Konjunkturprogramme weiter in zukunftsträchtige Bereiche investieren.
Und dazu zählt die Informations- und Kommunikationstechnologie?
Ja natürlich. Schauen Sie: Die Politik steht vor einer ganz schwierigen Aufgabe. Einerseits haben wir die traditionellen Industrien wie die Stahlbranche oder den Automobilbau. Dort wurde jahrzehntelang von Millionen Menschen gutes Geld verdient und ein beträchtlicher Wohlstand erarbeitet. Das kann nun nicht einfach aufgegeben werden. Der Staat darf aber auch nicht jedem in Schieflage geratenen Unternehmen unter die Arme greifen. Denn das würde dazu führen, dass für Investitionen in zukunftsträchtige Branchen wie die Informations- und Kommunikationstechnologie kein Geld mehr da ist. Das wäre fatal, zumal IT ein Innovationstreiber quer durch alle Branchen ist.
Also soll der Staat doch in die Hochtechnologie investieren?
Wenn der Staat die Wirtschaft schon ankurbeln muss, dann sollte er das mit dem Blick nach vorn tun. Er könnte einiges unternehmen, um zukunftsträchtige Felder besser als bisher erschließen zu lassen: Erstens könnte er in den Ausbau der landesweiten Breitbandnetze investieren, um Deutschlands Kommunikationsbranche neue Impulse zu geben. Wir sehen doch, wie in China und Korea der Staat Milliardenbeträge in die Hand genommen hat, um hochleistungsfähige Datenautobahnen zu errichten. Das hat völlig eigenständige Wirtschaftszweige hervorgebracht und ist einer der Gründe, warum beide Länder in der Kommunikationstechnik eine wichtige Rolle spielen und in den vergangenen Jahren einen für sie noch nie dagewesenen Wohlstand generiert haben.
Was steht denn noch so alles auf Ihrer Wunschliste?
Nun, Berlin könnte zweitens die unternehmensinterne Forschung und Entwicklung mit steuerlichen Anreizen fördern, so wie das in Ländern wie Japan, Italien, Frankreich oder den Vereinigten Staaten geschieht. Drittens sollte mehr Geld in Bildung gesteckt werden. In den vergangenen Jahren ist an den Universitäten schon viel in Bewegung gekommen. Das ist gut, wir dürfen hier aber nicht stehenbleiben. Wir müssen auch etwas für die Schulen und Kindergärten tun. Warum schließt die Politik hier nicht einen Pakt mit der Wirtschaft? Ich bin mir sicher, das wird in vielen Unternehmen auf reges Engagement stoßen.
Werden Sie das der Bundeskanzlerin sagen?
Das weiß sie schon.
Was macht denn die SAP AG auf diesen Gebieten?
Wir haben in den vergangenen Jahren rund 15 Prozent unseres Umsatzes in die Forschung und Entwicklung investiert. Darüber hinaus arbeiten wir auf internationaler Ebene mit 700 Hochschulen zusammen und fördern so rund 150 000 Studenten.
Die Softwarebranche rutscht aber in eine möglicherweise sehr tiefe Krise. Sollten Sie nicht andere Sorgen haben?
Wir sind als Weltmarktführer in einer hochinnovativen und hartumkämpften Branche tätig. Wir haben gute Mitarbeiter, und wir brauchen auch in Zukunft gute Mitarbeiter. Dafür muss man was tun. Natürlich sind wir jetzt in schwierigen Zeiten. Noch Anfang September war ich sehr optimistisch gestimmt. Dann trübte sich die Lage an den Finanzmärkten schlagartig weiter ein. Mit der Pleite der amerikanischen Investmentbank Lehman Brothers Mitte September hatten wir schlagartig eine neue Situation. Viele Kunden waren so geschockt, dass sie hart auf die Kostenbremse traten. Das traf unsere Branche quasi über Nacht, und wir konnten die wie immer hohen Erwartungen nicht erfüllen. Wir haben sofort mit maßgeschneiderten Angeboten für unsere Kunden und einem umfassenden Kosteneinsparprogramm reagiert. Aber natürlich ist unser Geschäft grundsolide, und wir sind nach wie vor gut aufgestellt.
Das war aber auch die Zeit, in der Sie die Preise für die Wartung der Software Ihrer Kunden anhoben. War das nicht ein falscher Schritt zur falschen Zeit?
Das war es mit Sicherheit nicht. Denn einerseits haben wir zehn Jahre lang die Preise für unsere Dienstleistung unverändert gelassen. Andererseits vergrößerten wir unser Supportangebot beträchtlich, sprachen mit vielen Kunden und haben danach unser Leistungsbündel nochmals erweitert. Und schließlich wird dies schrittweise über einen Zeitraum von vier Jahren umgesetzt. Wir sind überzeugt, dass dieses deutlich verbesserte Angebot unseren Kunden hilft, IT-Kosten zu sparen. Aber dies bedeutet auch deutlich höhere Aufwendungen für SAP.
Doch mit Ihrer speziellen Software Business By Design für den Mittelstand klemmt es nach wie vor. Wann wird die denn nun auf den Markt kommen?
Wir befinden uns etwa 12 bis 18 Monate hinter dem ursprünglichen Zeitplan. Angesichts der momentanen Lage auf den Märkten sind wir damit gar nicht so unglücklich. Denn wenn wir nicht schon im Frühjahr die Markteinführung verschoben hätten, müssten wir es wahrscheinlich heute tun. Denn bei der gegenwärtigen Wirtschaftslage achten Investoren besonders auf die Wirtschaftlichkeit, auch bei der Markteinführung von Innovationen. Und hier brauchen wir noch etwas Zeit für Business By Design.
Also steckt die Softwarebranche doch in größeren Schwierigkeiten als erwartet?
Klar ist doch, dass wir mitleiden. Klar ist aber auch, dass die Softwarebranche nicht so sehr leiden wird wie andere.
Warum nicht?
Weil Software eine Zukunftsbranche ist. Schon heute geht ohne Software in den Unternehmen nichts mehr. In Zeiten wie diesen, wo die Kreditvergabe oft klemmt, wo Firmen es schwer haben, neue wichtige Projekte anzuschieben, zu finanzieren und durchzuziehen, wo die Deflation vor der Tür steht, spielt Liquiditätsmanagement eine wichtige Rolle. Also fragen unsere Kunden die entsprechenden Computerprogramme nach. Sie mögen größere Softwareprojekte zunächst auf Eis legen, aber wichtige Investitionen in Geschäftsoptimierung, die sparen hilft, schieben sie immer an.
Doch auch SAP steht auf der Kostenbremse, stellt bis auf weiteres keine neuen Mitarbeiter ein, streicht Reise- und Spesenbudgets und lässt die Beschäftigten ihre Arbeitszeitkonten leeren. Wird das reichen, um um einen Abbau von Stellen herumzukommen?
Wenn wir nicht auf die Kostenbremse treten würden, wäre das ja sträflich. Niemand im Vorstand will Stellen streichen, und die Sicherheit der Arbeitsplätze bei der SAP ist für uns ein sehr wichtiges Gut. Wir können aber auch keine Garantien geben. Das wäre unverantwortlich für alle Beteiligten. Wenn unser Kostensenkungsprogramm die geplanten 200 Millionen Euro bringt, hoffen wir natürlich, dass es reicht.
Und wenn nicht?
Dann werden wir neu nachdenken müssen und Lösungen finden. Wir sind gut durch die schwere Branchenkrise Anfang des Jahrzehnts gekommen. Als andere Firmen Tausende Stellen kappten, haben wir eine bis dahin auch für uns kaum vorstellbare Strategie der Globalisierung durchgezogen. Wir gewannen kontinuierlich Marktanteile, stockten die Belegschaft weiter auf und haben heute Gewinnspannen von 28 Prozent. Wir sind also nicht ganz unerfahren im offensiven Umgang mit Krisen.
Das Gespräch führte Stephan Finsterbusch.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: dpa, F.A.Z. - Foto Wolfgang Eilmes
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