Von Svenja Kleinschmidt, Ramallah
19. November 2008 An diesem Abend begegnet Massiv seiner Heimat. Der Rapper mit palästinensischen Wurzeln steht in Bethlehem, als drei Jungen aus Berlin auf ihn zustürmen. Nach drei Tagen in einem fremden Land ist da endlich was, das er kennt. Hey, cool, ihr seid aus'm Wedding? Was macht ihr hier?, fragt Massiv. Wir wohnen seit drei Monaten in Bethlehem, sagt der 15 Jahre alte Bilal. Zusammen mit seinen jüngeren Brüdern Adnan und Esat ist er in das Kulturzentrum gekommen, weil ihr Idol hier auftreten wird. Massiv versteht einen irgendwie. Er singt von Gewalt, weil es sie gibt, sagt Bilal, nerven tut sie trotzdem.
Massiv tourt im Rahmen der European Palestinian Hip Hop Tour mit europäischen und palästinensischen Rappern durch das Westjordanland. Den Menschen hier soll Rap als Ausdrucksform nahegebracht werden, sagt Farid Majari, der Direktor des Goethe-Instituts in Ramallah, das Massivs Reise gefördert hat. Es ist das erste Mal, dass Massiv durch das Gebiet fährt, aus dem seine Großeltern stammen. Man ist immer Palästinenser, sagt der Sechsundzwanzigjährige. Das kann man nicht wegwaschen.
Der Gewalt-Rapper schmollt
Doch der Rapper wirkt zwischen den anderen arabischen Musikern wie ein Außenseiter. Während sich einige auf der Bühne immer kämpferischer propalästinensisch gebärden, überlegt Massiv, wieder abzureisen. Die Konzerttour verläuft auf einem schmalen Grad zwischen Party und Politparolen. Morgens vor seiner Fahrt nach Bethlehem hat Massiv von den Schlagzeilen in Deutschland gehört. Gewalt-Rapper als Friedensbotschafter, heißt es dort kritisch über seine Auftritte in Jenin, Nablus und Ramallah. Zeilen aus seinen Songtexten werden zitiert, in denen es um Blut geht, um Rache und den ehrenvollen Tod für Allah. Massiv sitzt den ganzen Tag meist still in einer Ecke: Der Gewalt-Rapper schmollt. Immer wieder wird auf diesen Sätzen herumgeritten.
Doch jemand, der darüber singt, Kiefer zu brechen, kann schwer mit Verständnis rechnen, wenn er sich missverstanden fühlt. Andererseits sind es nur einige provokante Textstellen. Das junge Publikum in Palästina jedenfalls hetzt er nicht auf. Am ersten Abend in Jenin springen die arabischen Jugendlichen von ihren Plastikstühlen, sie johlen, recken die Arme hoch, bilden eine Polonaise. Ein Konzert, noch dazu Hip-Hop, haben die Jugendlichen hier noch nie gesehen. So etwas gibt es nicht in dieser Stadt, die von der Hamas regiert wird und seit der zweiten Intifada im Jahr 2000 sowie dem Bau der Trennmauer zwischen Israel und dem Westjordanland kulturell verarmt und politisch-religiös fanatisiert ist.
Liebeskitsch statt harter Worte
Zum Konzert sind auch Mädchen ins Haddad Village außerhalb Jenins gekommen. Sie mischen sich unter die Jungs, wippen zur Musik. Massiv steht auf der Bühne, hinter ihm künstliche Säulen wie in einem Amphitheater. Er rappt auf Deutsch, doch die Menge tobt. Zuvor wurden im Publikum Heftchen mit Übersetzungen der Songs verteilt, nun wissen alle, worüber er singt: Wir sind alle gleich, alle eins / Wir haben einen Gott, ein Leben, einen Raum, eine Zeit. Gangster-Rap braucht hier niemand, meint Massiv: Das Leben dieser Leute ist schon krass genug. Noch nie wurde eines seiner Konzerte wie heute mit Maschinengewehren bewacht, er hat Respekt, vielleicht sogar ein wenig Angst. Auf der Bühne rappt er: Deine Augen sind noch heller als die Sterne, die vom Himmel fallen. Liebeskitsch statt harter Worte - für die dänische Tourorganisatorin Janne Louise Andersen dienen die Konzerte auch dazu, die Rapper aus Europa in Palästina zu läutern: Hier sehen sie, wie wenig ihr europäisches Zuhause ein Ghetto ist.
Neben diesem didaktischen Aspekt, der ihr gerade eingefallen zu sein scheint, geht es ihr vor allem um eins: Die Leute sollen Spaß haben, Hip-Hop kennenlernen und sehen, wie viel man mit Musik sagen kann. Dass Worte auch Waffen sein könnten, daran hat Andersen weniger gedacht. Sie hat Massiv ergoogelt und weiß nicht, wie umstritten seine Texte in Deutschland sind. Sie hat auch keine Probleme damit, dass während des Auftritts der englischen Sängerin Shadia Mansour Mitglieder der Tour wie Freiheitskämpfer auf der Bühne tanzen, das Palästinensertuch um den Kopf geschlungen, nur die Augen blitzen hervor. Sie zeigen Peace-Zeichen mit den Fingern, doch sie kennen den Symbolwert ihres Auftritts.
Massiv ist nicht politisch
Wie Massiv und die dänischen Rapper wird auch Shadia von ihrer Regierung bei dieser Reise unterstützt. Sie singt vom Kampf gegen die israelische Besatzung und einer Waffe in ihrer Hand. Hip-Hop ist die neue Intifada, sagt die Sängerin. Doch auch Selbstmordattentate sind Teil des Krieges, eine Waffe der Unterdrückten. Nach Shadias erstem Auftritt überlegt Massiv, die Tour abzubrechen. Ich will nicht in ein falsches Licht rücken, sagt er. Zwar bleibt er dann doch, aber er wird nicht gemeinsam mit Shadia auftreten. Als sich der Musiker Zaki aus Dänemark im Rampenlicht dazu hinreißen lässt, mit seiner Krücke imaginäre Maschinengewehrsalven in die Luft zu wummern, sitzt Massiv hinter der Bühne.
Am Morgen hat sich Zaki den Fuß gebrochen, aus einem Spiel wurde Ernst - bei den Konzerten besteht die gleiche Gefahr. Zaki flucht in seinen Texten nicht, sondern singt von Frieden und komponiert in Dänemark gerade ein Ballett. Doch mit jeder Fahrt durch die israelischen Checkpoints und mit jeder Geschichte, die die Menschen in den Flüchtlingscamps erzählen über die Soldaten, die nachts ihre Häuser stürmen, agieren die Rapper provozierender. Massiv ist nicht politisch, Nachrichten aus Nahost hört er von seinem Vater. Bei seinem Auftritt in Nablus am zweiten Abend der Tour rappt er unter einem weißen Hochzeitsbaldachin: Du musst lernen, deinen Feind zu lieben. Arabi, ein Palästinenser aus dem Publikum, weiß nicht, was er davon halten soll. Frieden schließen gern, aber lieben geht doch nicht. Doch der Text ist auch egal, heute will er feiern. Es gibt keine Bars in Nablus, als Jugendlicher sitzt man abends mit den Eltern vor dem Fernsehgerät.
Diesen Abend machen die Fans Fotos mit den Rappern, sie sind ihre Stars. Es ist Hip-Hop, der ist immer direkt, sagt Seba, die in Gaza geboren wurde. Aufgewiegelt wird man dadurch noch lange nicht, unser Leben ist immer politisiert. Aber heute ging es um Musik, und den Jungs vielleicht auch um Mädchen. Massiv fliegt noch in der Nacht nach dem letzten Konzert nach Berlin. Die Rapper umarmen sich - dann ist er weg. Der Rest der Gruppe lungert auf dem Parkplatz in Bethlehem und trinkt Whisky. Sie mochten ihn, den Massiven aus Deutschland. Dass er als Gewalt-Rapper gilt, das wussten sie gar nicht.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: David Cuenca / Sony BMG, Svenja Kleinschmidt