Alles muss weg

Der große Laubangriff

Von Stefan Locke

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Bitte umblättern: Laubgebläse erleben einen Absatzboom, doch ihr Nutzen ist gering

17. November 2008 „Das Loob muss noch weg“, mahnte meine Oma, wenn der Herbst begann. „Was machen wir denn mit dem ganzen Loob?“ Loob sprach sie aus wie Michael Ballack „ooch“ sagt, wenn er „auch“ meint, schließlich kommen beide aus der gleichen Gegend. Das Laub fiel also in den Garten und auf die große Obstwiese und bildete dort einen Teppich aus gelben Birken-, roten Kirsch-, braun-beigen Apfel- und orangefarbenen Pflaumenbaumblättern.

„Ja ja“, erwiderte ich jedes Mal. „Warten wir doch, bis alles unten ist, dann brauchen wir nicht mehrmals zu rechen.“ Meistens Ende November schlurfte ich dann mit einem großen Holzrechen auf die Wiese und begann, „das Loob“ zuerst am Hang von oben nach unten und anschließend auf der Ebene von links und rechts zur Mitte hin zu harken, schob alles auf einen großen Haufen und brachte anschließend alles mit der Schubkarre auf den Kompost. Im Gegensatz zum Grasmähen und Schneefegen war das Laubentfernen damals noch echte Handarbeit, und bei mir ist es das auch heute noch. Ich mag die stille, spätherbstliche Stimmung und die Aussicht, jetzt für einige Wochen Ruhe zu haben, nicht pflanzen, gießen, umgraben oder Unkraut ziehen zu müssen.

Motorengeknatter in Nachbars Garten

So rechte ich auch im vergangenen Jahr dahin, als aus Nachbars Garten plötzlich Motorengeknatter und kurz darauf eine Benzindunst- und Staubwolke herüberwehten. Aus der Stadt, in der ich lebe, kannte ich das Geräusch längst aus leidvoller Erfahrung. Jeden Morgen im Herbst sind dort mit Ohrenschonern und Schutzbrillen bestückte Männer an Maschinen zugange, die das Laub auf Gehwegen und Freiflächen von einer Seite zur anderen und zurück pusten. Tatsächlich: Der Nachbar hatte einen Laubbläser mit integriertem Sauger angeschafft. Ein Fortschritt, der mir völlig übertrieben scheint. Wieso braucht jemand für 500 Quadratmeter Wiese und ein bisschen Hof eine Loob-, Verzeihung, Laubmaschine?

Ich lief an den Zaun. Sofort führte der Nachbar seine Neuanschaffung vor. Das Gerät sah aus wie eine überdimensionale Wasserpistole mit Pelikanschnabel - orangefarben verkleideter Motor, schwarzes Rohr, unten ein grauer Fangsack. „Eben aus dem Baumarkt geholt, die hat richtig Zunder“, berichtete der Rentner voller Stolz. „Damit komme ich in jede Ecke, und ich spare einen Haufen Zeit“, fügte er hinzu und gab Gas. Einige Blätter wehten durch den Zaun dorthin, wo ich gerade gerecht hatte.

„Mit dem können Sie saugen und blasen“

In diesem Jahr nun knatterte es bereits Mitte Oktober, und zwar auch auf anderen Nachbargrundstücken. Von nun an, das ahnte ich, wäre die Ruhe im Herbst für immer dahin. Ich fuhr in den nächsten Baumarkt, um herauszufinden, was den Reiz dieser Maschinen ausmacht. Das billigste Gerät, ein Elektro-Laubsauger, 2500 Watt für 34,99 Euro, war bereits ausverkauft. Vom anspruchsvolleren Modell für 69,99 Euro gab es noch zwei Exemplare. „Mit dem können Sie saugen und blasen“, erklärte der heraneilende Verkäufer. Wer weiß, wie oft am Tag er diesen Brüller bringen muss, dachte ich.

Die Geräte seien ein Renner und gingen jedes Jahr besser. „Warum?“, fragte ich. „Ganz einfach“, antwortete er, riss den rechten Arm nach vorn, legte den linken um einen imaginären Schultergurt und schlich betont locker-leicht durch die Regalreihen. „Es ist bequem, Sie kommen in jede Ecke und sparen eine Menge Zeit.“

Ein „Laubstar“ mit dem Tempo eines Hurrikans

Allerdings könne er die Billig-Geräte „nicht wirklich“ empfehlen. Sie seien in etwa so wirkungsvoll wie ein Handstaubsauger zum Autoreinigen. Wenn ich etwas Richtiges haben wolle, solle ich mir doch mal den „Laubstar“ für 129,99 Euro angucken. „Blasgeschwindigkeit bis 270 km/h“, stand auf der Verpackung. Mit diesem Tempo fegte Hurrikan „Katrina“ über New Orleans, überlegte ich und stellte mir verwüstete Kleingärten und zertrümmerte Lauben vor.

Ich versprach, mir die Sache zu überlegen, eilte vorbei an einem fahrbaren Laubbläser mit 5,5-PS-Motor für 499 Euro, offenbar einem High-End-Gerät der Laubbekämpfung, nahm schnell noch einen Holzrechen für 8,99 Euro mit und verließ den Laden. Laut Gartentechnikhändlern verzeichnen Laubbeseitigungs-Maschinen einen Absatzboom; die Bläser eher für Großflächen in den Städten, die Sauger vor allem bei Kleingärtnern und Hausbesitzern.

Schädliche Abgase, leergefegte Natur

Dabei hat kaum eine andere Technik so zahlreiche Gegner auf den Plan gerufen wie diese. Verbraucherschützer warnen vor dem Gerätelärm, der mit bis zu 115 Dezibel dem von Presslufthämmern entspreche. Naturschützer kritisieren die schädlichen Abgase der Zweitaktmotoren sowie die leergefegte Natur, in der Kleinsttiere wie Würmer, Spinnen und Insekten und damit ein gesunder Boden keine Chance mehr hätten. Selbst die Umweltminister in Bund und Ländern empfehlen Verzicht und die Rückkehr zu Rechen und Besen.

Nicht einmal der Bundesverband deutscher Gartenfreunde steht Laubsaugern und -bläsern bei. „Diese Geräte sind nicht notwendig“, sagt Sprecher Thomas Wagner und spricht von einem „Technik-Fetisch“. Wagner rät, ruhig mal wieder eine Weile den Laubrechen zu schwingen. „Körperliche Betätigung tut dem Rücken gut und schärft die Sinne für die Natur.“

Alles sauber, alles toll

Allerdings weiß Wagner auch: Für kaum etwas anderes geben die Deutschen so gern Geld aus wie für den Garten. Welcher Hersteller würde diesen Umstand nicht nutzen? Im Internet preist ein führender Gartengeräteproduzent Laubgebläse wie folgt an: Eine Frau setzt sich Ohrenschützer und Sonnenbrille auf, wirft einen Laubbläser an und spaziert damit durch ihren Garten. Eine euphorisierende Melodie überlagert den Motorenlärm beinahe komplett. „Heutzutage ist der Rechen Vergangenheit“, erklärt der Text dazu. „Blasen Sie Ihren Ärger einfach weg!“

„Genau darum geht es“, stellt der Psychologe Helmut Junker fest. Seit in seiner Nachbarschaft in Hamburg maschinelle Laubbeseitiger dröhnen, hat der Vierundsiebzigjährige den „Sauberkeits- und Technikwahn im Garten“ analysiert. Viele Menschen befänden sich in unzufriedener, aggressiver Stimmung und suchten im übertriebenen Bedürfnis nach Sauberkeit zwanghaft nach Entlastung. „Zu Hause muss man vom Boden essen können, folglich darf auch im Garten nichts schmutzig sein.“ Die im Sommer noch schönen Schatten spendenden Blätter seien, am Boden liegend, auf einmal Dreck und etwas Böses, das ebenso wie Insekten, Bakterien und Gewürm aggressiv beseitigt werden müsse. „Das Motto lautet: Wenn ich alles sauber fege, ist alles toll.“

Die „heimliche Freude am Furzen“

Was die Technik anbetrifft, hat Junker bei den Anwendern entwicklungspsychologisch „Relikte aus unterdrückten Erfahrungen in der analen Phase nach Sigmund Freud“ ausgemacht. „Salopp gesagt, hat das mit der heimlichen Freude am Furzen zu tun. In der Gesellschaft ist das verboten, aber mit einem großen Auspuff oder Laubbläser kann ich ordentlich Krach machen und das ausleben.“ Ein bloßer Rechen oder Besen demütige diese Menschen. „Durch eine Maschine fühlen sie sich aufgewertet, und sie genießen zudem das befriedigende Gefühl des ,Für-sich-Arbeitenlassens'.“

Zur wohl radikalsten Lösung des Laubproblems greifen ganz Entschlossene: Sie beseitigen sämtliche Laub abwerfende Bäume, fällen und ersetzen sie, wie bei einem meiner Nachbarn tatsächlich geschehen, durch saubere Baumarkt-Koniferen. Eine ästhetische Zumutung. „Völlig lebensfeindlich“, behauptet Junker.



Text: F.A.S.
Bildmaterial: dpa

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