Von Jürgen Dollase
18. November 2008 Die immer besseren Leistungen der deutschen Spitzenküche werden auch in der neuen Ausgabe des Gault Millau belohnt. Der einzige Restaurantführer, der die Eindrücke seiner Tester ausführlich wiedergibt, schätzt besonders eine kreative, individuelle Küche - ohne freilich die Qualitäten der Altmeister zu übersehen. Koch des Jahres ist Nils Henkel vom Restaurant Dieter Müller in Bergisch Gladbach.
Henkel hatte im Februar seinen Mentor Müller in der Küchenleitung abgelöst. Henkel habe, so die Begründung, sein gewaltiges Potential noch gar nicht ausgeschöpft. Der 38 Jahre alte Koch gilt schon länger als eines der größten Talente der deutschen Küche. Sie ist eine faszinierende Mischung aus handwerklicher Perfektion und zeitgenössischen Elementen.
19 Punkte von 20 möglichen geholt
Mit 19 Punkten (von 20 möglichen) steigt Henkel mit der gleichen Bewertung ein, die Dieter Müller zuletzt hatte. An der Spitze der Bewertung bleiben mit 19,5 Punkten weiterhin drei Köche: Harald Wohlfahrt von der Schwarzwaldstube in Baiersbronn, Helmut Thieltges vom Waldhotel Sonnora in Dreis und Joachim Wissler vom Vendôme in Bergisch Gladbach. Wissler wurde übrigens vor kurzem in einer Umfrage unter Köchen zum besten Koch des Landes gekürt.
Bei den 19-Punkte-Köchen gibt es gleich zwei neue Namen: Christian Bau, ein Meister der klassischen Moderne von Schloss Berg in Perl im Saarland und Sven Elverfeld vom Aqua im Ritz Carlton in Wolfsburg. Elverfeld hat gerade auch seinen dritten Michelin-Stern bekommen und darf somit als auffälligster Aufsteiger des Jahres gelten. Der Gault Millau ehrt Elverfeld übrigens auch für das Menü des Jahres.
Neue 18-Punkte-Köche ausgezeichnet
Bei den 18-Punkte-Köchen, einer ebenfalls noch international angesehenen Bewertung, gibt es gleich sieben Aufsteiger oder Neueinsteiger. Gleich drei Köche wurden befördert, die man erst vor kurzem abgewertet hatte. Eine solche Praxis ist zum Beispiel im Michelin-Führer extrem selten. So entsteht der Eindruck, als hätte die zur Abwertung führende Kritik im Gault Millau die Köche zu neuerlichen Anstrengungen beflügelt.
Die neuen alten Namen sind Berthold Bühler und Henri Bach von der Résidence in Essen, Avantgardist Juan Amador vom Amador in Langen und die ebenfalls sehr modern kochenden André Köthe und Yves Ollech vom Essigbrätlein in Nürnberg.
Neueinsteiger in dieser Kategorie sind Tim Raue vom Ma Tim Raue in Berlin, einem spektakulären Restaurant mit ungewöhnlicher Mischung aus asiatischer Inspiration und individueller Handschrift, sowie Christian Jürgens vom Restaurant Überfahrt im Seehotel Überfahrt am Tegernsee, der in seinem neuen Restaurant gleich höher bewertet wird als an seiner alten Wirkungsstätte im Kastell auf Burg Wernberg-Köblitz.
Gault Millau präsentiert die deutsche Küche auf höchstem Niveau
Aufgestiegen zu 18 Punkten sind Dirk Meier von der Meierei im Hotel Alter Meierhof in Glücksburg und Jörg Glauben vom Restaurant Tschifflik im Hotel Fasanerie in Zweibrücken, der als Aufsteiger des Jahres geehrt wird.
Der einzige abgewertete Koch in diesen oberen Kategorien ist Alfred Friedrich vom Zarges Gourmet-Restaurant in Frankfurt (jetzt 17 Punkte), der die hohen Erwartungen nach seiner Rückkehr von Starkoch Heinz Winkler in Aschau nicht erfüllen konnte.
Weitere Auszeichnungen gehen zum Beispiel an Alexander Schütz vom St. Benoit in Oberammergau (Entdeckung des Jahres), Herbert Seckler, den legendären Gründer des Sansibar auf Sylt (Restaurateur des Jahres) und Marie-Anne Raue vom Ma Tim Raue (Oberkellner des Jahres).
Mit nun 27 Restaurants mit 18 Punkten, sieben mit 19 Punkten und drei mit 19,5 Punkten präsentiert der Gault Millau die deutsche Küche auf höchstem internationalen Niveau. Er vermittelt ein Spektrum, in dem alles Neue eine gute Chance hat, schnell bemerkt zu werden.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: dpa