19. November 2008 Nach der Finanzkrise drohen Banken noch mehr als bisher von Kriminellen missbraucht zu werden. Die Ermittlungsbehörden verstärken aber auch ihre Kapazitäten im Kampf gegen Geldwäsche und Wirtschaftskriminalität, die sie zuvor auf die Fahndung nach Terroristen umgelenkt hatten. Dies ist die einhellige Einschätzung führender Polizeiexperten aus internationalen Organisationen, wie am Mittwoch eine Tagung im Rahmen der Euro Finance Week“ in Frankfurt zeigte.
Besonders drastisch ging Antonio Maria Costa, Exekutivdirektor einer Organisation der Vereinten Nationen zur Verbrechensbekämpfung, mit der Kreditwirtschaft ins Gericht. Die Banken werden jetzt noch stärker von der Mafia durchdrungen werden, weil diese die nötigen Geldmittel übrigbehalten hat“, sagte Costa voraus. Die Finanzwirtschaft benutzt das Verbrechen – und nicht andersherum.“ Bankgeheimnis und Steueroasen dürften daher kein Hindernis für die Strafverfolger bleiben. Für Costa bedeutet es keinen großen Unterschied mehr, ob jemand mit der Kalaschnikow, der Computertastatur oder toxischen Wertpapieren“ Straftaten begehe.
Auch den Einrichtungen der EU drohen Gefahren
Khoo Boon Hui, neuer Präsident der weltweiten Polizeiorganisation Interpol, wies auf seine Erfahrungen als Polizeichef von Singapur hin. Korruption und Finanzkriminalität gebe es nicht nur in Europa, sondern auch in Asien. So habe er mit Schrecken festgestellt, wie viele Geschäftsleute dort auf einen Betrügerring hereingefallen seien. Dieser hatte durch Telefonanrufe Erpressungsgelder eingesammelt, indem die Täter behaupteten, sie seien Polizisten und hätten Schwarzgeld auf den Konten der Angerufenen entdeckt. Kreditkartenfälscher gingen mittlerweile so organisiert vor, dass sie nach einem Franchise-System arbeiteten und ihre Vertriebsleute“ in Online-Seminaren schulten.
Franz-Josef Brüner, Generaldirektor der EU-Betrugsbekämpfungseinheit Olaf“, warnte vor den Gefahren, die den Einrichtungen der Europäischen Union durch international agierende Wirtschaftsverbrecher drohten. Zu deren Verfolgung müssten die Behörden die Kriminellen durch Abschöpfung der Verbrechensgewinne treffen, wo es am meisten weh tut, sagte Max-Peter Ratzel von der Europäischen Polizeibehörde Europol – nämlich an der Brieftasche und den Bankkonten.
Die Kreditinstitute hätten zwar große Investitionen in die Bekämpfung der Geldwäsche getätigt, räumte er ein. Versäumnisse gebe es aber noch bei politisch exponierten Personen“, bei denen ein besonderes Risiko von Bestechlichkeit und Geldwäsche bestehe. Ratzel rechnet mit einer stärkeren Zusammenarbeit von Europol, Bundeskriminalamt und der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (Bafin), weil die Turbulenzen auf den Finanzmärkten zu einer stärkeren Regulierung führten. Seine Forderung: Gegen Bankmanager und Entscheidungsträger müsse künftig leichter vorgegangen werden können, um Anhaltspunkte für weitere Ermittlungen zu finden. Denn Europol rechne damit, dass es zunehmend zu aggressiven Übernahmen von Finanzinstituten und privatisierten Staatsbetrieben durch Strohleute kommen werde. Am Ende würden Kriminelle in manchen Wirtschaftszweigen mit ihrem Kapital und ihren Preisvorteilen den Wettbewerb ausschalten, warnte Ratzel.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AP
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