American Football

Ein Schiedsrichter und dreißig Millionen Dollar

Von Jürgen Kalwa, New York

Das Spiel, das viel Ärger verursachte: Pittsburgh Steelers gegen San Diego Ch...

Das Spiel, das viel Ärger verursachte: Pittsburgh Steelers gegen San Diego Chargers

18. November 2008 Bei einem Spiel der National Football League (NFL) an einem Sonntagnachmittag sitzen gewöhnlich um die 70.000 Zuschauer in einem Stadion. Mehrere Millionen verfolgen des Geschehen gebannt live zu Hause an ihren Fernsehapparaten. So mancher davon hat eine hübsche Summe auf den Ausgang der Begegnung gewettet.

So wie vor drei Tagen bei der Partie zwischen den Pittsburgh Steelers und den San Diego Chargers, bei der nach Schätzungen von Kennern des Geschäfts etwa hundert Millionen Dollar auf dem Spiel standen.

Schiedsrichter entscheidet nach minutenlangem Videostudium

Gewettet wird im amerikanischen Mannschaftssport selten auf Sieg oder Niederlage wie im traditionellen Fußball-Toto, sondern auf die Punktedifferenz, mit der ein Team das Match für sich entscheidet. Man spekuliert darauf, ob der Favorit mit mehr oder weniger Zählern gewinnnt. Der sogenannte Spread lag am Sonntag bei den meisten Buchmachern bei einem Fünf-Punkte-Vorsprung für Pittsburgh und wirkte so chancenreich, dass sie ihr Geld auf einen höheren Sieg der Steelers setzten.

Sie hätten Recht behalten, wenn ihnen nicht am Schluss der Hauptschiedsrichter einen Strich durch die Rechnung gemacht hätte, als er nach minutenlangem Studium der Fernsehaufzeichnung den Steelers wegen eines angeblichen Regelverstoßes einen Touchdown aberkannte. Die Entscheidung hatte keine Auswirkung auf den Ausgang der Begegnung: Die Steelers gewannen das Match auch ohne die zusätzlichen sechs Punkte - mit 11:10 - und verbesserten auf diese Weise ihre Aussichten, die Playoffs zu erreichen. Doch der Erfolg nutzte den Zehntausenden nichts, die darauf gesetzt hatten, dass Pittsburgh mit mehr als fünf Punkten Vorsprung gewinnen würde. Sie verloren ihren Einsatz von insgesamt rund 30 Millionen Dollar.

Zehn Minuten Warten

Nur selten dürfte eine Schiedsrichter-Entscheidung in einem ganz normalen NFL-Spiel so viel Chaos produziert haben. Nicht nur die Reporter vom Fernsehsender CBS waren nervös. Die hatten die Übertragungszeit vom Spiel ausgiebig überzogen und warteten darauf, endlich an das Politik-Magazin „60 Minutes“ abzugeben, das das erste Fernsehinterview mit Wahlsieger Barack Obama ausstrahlen wollte. Sie schalteten um, bevor die definitive Entscheidung im Stadion gefallen war.

Ohne die Livebilder saß man allerdings in Las Vegas wie auf heißen Kohlen, wo man nur Internetquellen zur Verfügung hatte. Der Online-Informationsdienst espn.com meldete das vermeintlich korrekte Resultat von 17:10 für die Steelers. Es dauerte zehn Minuten, bis endlich klar wurde, was passiert war und welche Wetter Geld verdient und welche ihren Einsatz verloren hatten.

Schiedsrichter gibt Fehler zu

Die Pointe der Geschichte lieferte allerdings Chefschiedsrichter Scott Green nach dem Match. Er gestand ein, dass er den Steelers-Touchdown zu Unrecht aberkannt hatte. An dem offiziellen Ergebnis änderte das nichts mehr und damit auch nichts an dem finanziellen Schaden für die Wetter. Immerhin gab die Ligaspitze in New York am Montag eine offizielle Stellungnahme zu dem Zwischenfall heraus und kündigte an, sich über das Regelwerk Gedanken in Sachen Videobeweis zu machen, um „eine solche Art von Fehler in der Zukunft zu vermeiden“.

Dass man die Unwägbarkeiten eines Ballspiels mit Vorschriften und Bestimmungen in den Griff bekommt, ist seit Gründung der National Football League Teil des Selbstverständnisses. Auch deshalb ist das Buch „The Official Rules of the NFL“ im Laufe der Jahrzehnte so angewachsen: Es hat inzwischen einen Umfang von mehr als 200 Seiten.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: REUTERS

 

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