Von Jürgen Kalwa
19. November 2008 Das Wetter im Herbst in Vancouver ist regnerisch und produziert zusammen mit den kürzer werdenden Tagen eine Stimmung, die man im Westen von Kanada gerne mit dem Wort grumpy bezeichnet. Das Wort bedeutet so viel wie mürrisch oder sauertöpfisch und beschreibt nach Meinung der Zeitung National Post am besten, weshalb die Wähler in der politisch links tendierenden Stadt am Wochenende einen Mann zum Bürgermeister gewählt haben, der mit einem leeren, dummen Versprechen angetreten war: Er will das grassierende Problem der Obdachlosen beseitigen, die inzwischen zu hunderten in den Gassen und Parkgaragen der Stadt leben und die das Image der blühenden Wirtschaftsmetropole gefährden, die in 15 Monaten ihren ersten großen internationalen Auftritt haben wird: als Ausrichter der XXI. Olympischen Winterspiele.
Die Zusicherung kann nicht der einzige Grund gewesen sein, weshalb der gutaussehende Nachwuchspolitiker Gregor Robertson an den Urnen so viel Erfolg hatte und die regierende Gruppierung, die Non-Partisan Association NPA, für die kommenden vier Jahre auf eine Nebenrolle reduziert wurde. Das dürfte sehr viel mehr damit zu tun haben, dass vor ein paar Wochen bekannt wurde, dass der von der NPA geführte Rat der Stadt hinter verschlossenen Türen dem Bauherren des olympischen Dorfs in Vancouver einen Kredit über umgerechnet 65 Millionen Euro eingeräumt hatte.
Inkompetente Planungsleistung
Eine Entscheidung, die der Spitzenkandidat der Partei im Wahlkampf vergeblich zu verteidigen versuchte. Die Information über das Darlehen machte nämlich den Einwohnern von Vancouver auf einen Schlag klar, dass die Spiele sehr viel teurer werden als angekündigt und dass ähnlich wie bei dem finanziellen Desaster in Montreal 1976 wieder einmal die Steuerzahler die Lasten für eine inkompetente Planungsleistung tragen müssen.
Die Kosten für den Bau der Sportstätten und Infrastruktureinrichtungen wurden ursprünglich mit einer Summe von rund einer Milliarde Euro kalkuliert, zu einem Teil finanziert durch Steuermittel aus der Hauptstadt Ottawa und von der Regierung der Provinz British Columbia in Victoria. Doch die Projektionen gelten schon lange nicht mehr als realistisch. So stiegen allein die Baukosten für das olympische Dorf von 200 Millionen Euro auf das Dreifache.
Anlage am False Creek bietet Platz für 3000 Sportler
Die ersten Hiobsbotschaften sickern allerdings nur langsam an die Öffentlichkeit. So hatte die von Millardenschulden geplagte Firma Intrawest, der die Skihänge im pittoresken Whistler Mountain gut hundert Kilometer von der Stadt entfernt gehören, auf denen die alpinen Wettbewerbe ausgetragen werden, im Oktober mit Mühe und Not den Weg ins finanzielle Aus abwenden können. Dass dort die Probleme dauerhaft gelöst sind, ist unwahrscheinlich. Das Unternehmen betreibt mehrere Skistationen in den Rocky Mountains, darunter auch in Colorado, und dürfte die Auswirkungen der Rezession in der amerikanischen Wirtschaft auf die Ferienpläne der dortigen Bürger noch gar nicht vollends abschätzen können.
Der Hauptanleger von Intrawest ist die Investmentgesellschaft Fortress Investment Group, die wiederum auch in den Bau des olympischen Dorfes involviert ist. Das Bauvorhaben auf einem ehemaligen Industriegebiet an der schmalen, zentral gelegenen Bucht namens False Creek galt ursprünglich als Fingerübung. Die Anlage soll während der Spiele 2010 den 3000 anreisenden Sportlern Platz bieten und galt auf dem boomenden, von sehr viel Geld aus Fernost angeheizten Markt von Vancouver als ein leicht verkäufliches Immobilienprojekt.
Aussichten nicht so düster wie das Wetter
Nach den Spielen werden die Räumlichkeiten in Luxuswohnungen umgewandelt. Doch das Geschäft mit Häusern und Wohnungen in der High-End-Kategorie hat in den letzten Monaten enorm gelitten. Obendrein scheint auch die Firma, die das Projekt vorantreibt, in akuten finanziellen Schwierigkeiten zu sein. Baufirmen warten auf Bezahlung und haben ihre Arbeit eingestellt. Nach Auffassung von C. Tsuriel Somerville, einem Stadtplaner und Professor der University of British Columbia, steht das Vorhaben auf soliden Beinen, aber die Politiker in der Stadt hätten die Öffentlichkeit nicht rechtzeitig und nicht hinreichend auf eventuelle Risiken aufmerksam gemacht. Wir sehen hier, dass die Regierung mehr Geld auftreiben muss, sagte er der New York Times. Die Alternative wäre eine Olympische Zeltstadt.
Andere wollen sich ihren Optimismus nicht nehmen lassen. Denn tatsächlich ist zum Beispiel die Nachfrage nach Eintrittskarten zu den Wettbewerben schon jetzt bemerkenswert. Der Trend zeigt immerhin, dass kaum jemand daran zweifelt, dass die Schwierigkeiten rechtzeitig gemeistert sein werden. So düster wie das Wetter sind die Aussichten offensichtlich nicht.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: obs
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