Weltbank-Präsident Zoellick im Gespräch

„Finanzmarktreform mit Skalpell, nicht mit der Axt“

Weltbankchef Zoellick: “Wir müssen aufpassen, dass es nicht zu einer Überregu...

Weltbankchef Zoellick: "Wir müssen aufpassen, dass es nicht zu einer Überregulierung kommt"

20. November 2008 Die Weltwirtschaftskrise hat auch die Entwicklungsländer getroffen: Ihr Export sinke, und zwar schnell, sagt der Weltbankchef Robert Zoellick. Bei der Neuordnung des globalen Finanzsystems warnt er vor Überregulierung. Dem Mittelstand dürfe nicht die Finanzierung abgeschnitten werden.

Herr Zoellick, die amerikanische Finanzkrise zieht nun die gesamte Weltwirtschaft in die Rezession. Wie haben sich denn die Entwicklungsländer an der Krankheit der reichen Industrienationen angesteckt?

Die Konjunktur in den entwickelten Volkswirtschaften lahmt, einige stecken inzwischen in einer Rezession. Das führt dazu, dass deren Import rapide fällt. Für die Entwicklungsländer bedeutet das: Ihr Export sinkt, und zwar schnell. Und am Export hängen vielfach Investitionen. Das ist ein zusätzlicher Rückschlag. Hinzu kommt, dass in Entwicklungsländern die Geldpolitik vielfach die Zügel angezogen hatte, um die Inflation zu bekämpfen. Das schlägt nun bei der Kreditvergabe negativ zu Buche. Und wir beobachten einen erheblichen Rückgang der Gastarbeiterüberweisungen aus reichen Ländern wie Amerika nach Lateinamerika und Asien. Es steht darum außer Frage, dass wir durch die Zuspitzung der Finanzkrise im September und Oktober sozusagen eine neue Gefahrenzone für die Weltwirtschaft betreten haben.

Sie befürchten, dass der Welthandel im kommenden Jahr zum ersten Mal seit Jahrzehnten schrumpfen wird.

Auch das ist eine Folge der Finanzkrise, denn viele Unternehmen, gerade in den Entwicklungsländern, kommen derzeit nur sehr schwer oder gar nicht an Kredit zur Exportfinanzierung heran. Wenn sich das nicht rasch bessert, könnte es in der Tat zu einem Einbrechen des globalen Handels kommen.

Immerhin hat sich der Ölpreis seit dem Sommer mehr als halbiert, auch andere Rohstoffe werden billiger. Hilft das nicht auch den armen Ländern?

Vor einigen Monaten haben wir eindringlich vor der Nahrungsmittelkrise und den hohen Energiepreisen gewarnt. Dieses Risiko ist keineswegs gebannt. Vielmehr erweisen sich die Preise in vielen Entwicklungsländern als „klebrig“, sie sinken nicht so schnell, wie sie gestiegen waren. Außerdem sind die Währungen mancher armer Länder schwächer geworden, so dass die Preise für Lebensmittel und Energie in lokaler Währung immer noch sehr hoch sind. Es bleibt darum dabei, dass Millionen von Menschen vom Hunger bedroht sind.

Die Krise wird häufig als ein Rückschlag für den Kapitalismus gesehen. Wird es für Sie nun schwieriger, arme Länder von den Vorzügen der Marktwirtschaft zu überzeugen?

Das ist nicht auszuschließen, zumindest in dem einen oder anderen Fall. Aber nehmen Sie zum Beispiel China: Die Chinesen sind fest davon überzeugt, dass sich die marktwirtschaftlichen Reformen für sie in hohem Maße auszahlen und ganz entscheidend dazu beigetragen haben, die Armut dort zu verringern. Immerhin hat China aufgrund seiner guten Haushaltslage nun die Möglichkeit, die Wirtschaft mit einem kräftigen finanzpolitischen Impuls anzukurbeln. Das bedeutet freilich nicht, dass nicht auch in China die innenpolitische Debatte über Reformen nicht womöglich auch schwieriger wird.

Was muss Ihrer Ansicht nach das Ziel der neuen Finanzarchitektur sein, über die in den nächsten Monaten verhandelt wird?

Wir brauchen zweifellos einen neuen Ordnungsrahmen, einschließlich einer besseren Aufsicht über das Marktgeschehen. Aber: Wir müssen aufpassen, dass es nicht zu einer Überregulierung kommt, die die Chancen für kleine und mittelgroße Unternehmen, Kredite aufzunehmen, zunichte macht. Denn in diesen Unternehmen werden die meisten Arbeitsplätze geschaffen, nicht nur in Entwicklungsländern, sondern beispielsweise auch im deutschen Mittelstand. Wer sich um das Wohlergehen der Gesellschaft kümmert, darf den Zugang kleiner Betriebe zur Finanzierung nicht abschneiden. Meine Bitte lautet darum: Lasst uns an die Sache nicht mit einer Axt, sondern mit einem Skalpell herangehen.

Tragen Ihrer Ansicht nach denn die Märkte die Schuld an dem Schlamassel, oder müssen sich auch Regierungen Kritik gefallen lassen?

Von Marktteilnehmern und auch von Regierungen wurden Fehler begangen, daran besteht gar kein Zweifel. Die Finanzmärkte waren mit Liquidität geradezu überschwemmt, und Investoren sind hohen Renditen nachgejagt. Dabei sind sie mitunter Risiken eingegangen, die sie gar nicht abschätzen konnten, weil sie die komplizierten Finanzprodukte gar nicht verstanden haben. Aber es stimmt auch, dass viele der Banken, die nun in Schwierigkeiten stecken, durchaus der staatlichen Aufsicht und Kontrolle unterstanden haben. Für die Hypothekenkrise in Amerika gilt: Es sind Darlehen an Leute verkauft worden, die diese nicht hätten bekommen dürfen.

Das war aber politisch gewollt und staatlich gefördert.

Ich plädiere sehr dafür, die richtigen Lehren aus Krisen für die Zukunft zu ziehen. Leider geschieht das nicht immer und überall. Sehen Sie sich zum Beispiel die riesigen Mengen von Liquidität an, die Notenbanken rund um die Welt derzeit auf die Märkte pumpen. Ganz ähnlich hat die Federal Reserve nach dem Zerplatzen der Internetblase vor einigen Jahren reagiert. Meine Sorge ist, dass wir ein noch viel größeres Problem schaffen, wenn das Geld nicht rechtzeitig dem System wieder entzogen wird. Ich bin übrigens nicht dafür, die Verbriefung von Forderungen künftig zu verbieten. Aber wir sollten sicherstellen, dass derjenige, der einen Kredit vergibt, auch einen Teil des Ausfallrisikos behält.

Sie plädieren dafür, den Schwellen- und Entwicklungsländern ein größeres Mitspracherecht in weltwirtschaftlichen Fragen zu geben.

Die Globalisierung und offene Märkten bieten ungeheure Vorteile. Aber sie hätten versagt, wenn sie nicht auch den Ärmsten Chancen böten. Das müssen wir sicherstellen. Wir sollten dazu aber nicht länger in den hierarchischen Kategorien des 20. Jahrhunderts denken, sondern uns Gedanken machen über ein Netzwerk des 21. Jahrhunderts. All diese Dinge, um die es jetzt geht, von der Finanzmarktkontrolle über den Handel bis zum Klimaschutz, sind zu umfangreich und kompliziert, als dass sich eine Institution damit befassen könnte. Wir müssen einen Weg finden, um die Arbeit von Weltbank, Internationalem Währungsfonds, den Vereinten Nationen und anderen Organisationen zu integrieren. Dazu mag es eines Lenkungsgremiums bedürfen, wichtig ist aber, dass wir tatsächlich Lösungen finden.

Wo sehen Sie die Weltbank in, sagen wir, zehn Jahren?

Wir müssen uns an den Bedürfnissen unserer Mitgliedsländer ausrichten, denn das sind unsere Kunden. Das sind die ärmsten Länder der Welt, aber auch kriegsgeschüttelte Nationen oder Schwellenländer, die auf dem Weg nach oben schon ein Stück vorangekommen sind. Wir werden uns dabei mehr und mehr auf „öffentliche Güter“ konzentrieren, Probleme wie den Klimawandel, für die grenzüberschreitende Lösungen gefunden werden müssen. Es überrascht mich nicht, dass wir die Armut in der Welt bisher nicht vollständig überwunden haben. Das ist eine schwierige Aufgabe, und die Menschheit versucht es seit Hunderten von Jahren. Die Weltbank muss ehrlich genug sein, aus ihren Erfahrungen zu lernen und einzusehen, was funktioniert in der Entwicklungshilfe und was nicht funktioniert.

Das Gespräch führte Claus Tigges.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: REUTERS

Was muss ins neue Konjunkturpaket?

Ergebnis
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