Von Jochen Stahnke
18. November 2008 Die Begegnung mit Michel, der als schwierig im Umgang mit Vorgesetzten gilt, ist recht unkompliziert. Michel hebt den Kopf, lässt sich streicheln, schnuppert aufmerksam und trottet zufrieden von dannen. Ein Pferd ist ein Pferd ist kein Pferd: Michel, der Wallach, zum Beispiel ist auch ein Schlüssel zum eigenen Ich, ein Spiegel der eigenen Wirkung und der perfekte Trainer für Führungskräfte und solche, die es einmal werden wollen.
Verena Neuse, Gründerin und Leiterin der Pferdeakademie“ in Reinbek, hat aus diesen Erkenntnissen gleich ein Konzept namens Pferd und Persönlichkeit“ gemacht. Das kommt an in den Chefetagen. In Zeiten der Krise ist guter Rat willkommen. Pferde brauchen klare Befehle – wie Mitarbeiter.
Tiergestützte Fortbildungen für Führungskräfte sind seit einigen Jahren beliebt. Wer genug hat von Seminaren in Hochseilgärten und von Betriebsyoga, der wendet sich tierischer Erlebnispädagogik zu. Vorstände, Unternehmer und Führungsnachwuchs möchte Neuse mit ihrem Seminar ansprechen.
Gerade in Zeiten der Krise ist Führungskraft gefragt
Heute mit dabei sind vor allem Nachwuchsführungskräfte – die nicht alle vor Führungswillen strotzen. Wir sollen führen, aber niemand schaut nach, ob wir dazu eigentlich geeignet sind“, sagt Antje, die in einem hessischen Logistikunternehmen gerade zur Abteilungsleiterin befördert wurde. Antje erzählt, sie fühle sich ausgegrenzt – ihr sächsischer Akzent komme bei den Kollegen nicht gut an. Ihr Arbeitgeber hofft, mit dem Seminar die Zweifel beseitigen zu können. Jede Verzögerung kostet Geld, solch ein Seminar kaum Zeit. Im Herbst hat Neuse die meisten Anmeldungen. Dann ist der Sommerurlaub vorbei, und die Unternehmen verfeuern das übriggebliebene Jahresbudget.
Auch in diesem Jahr kann Neuse nicht klagen. Die Buchungen blieben stabil: Kluge Unternehmen investieren gerade in Krisenzeiten in ihre Führungskräfte – um sie fit zu machen für schwere Zeiten.“ Die Reithalle im herbstlichen Sachsenwald ist bitterkalt. Wasser läuft die beschlagene Panoramascheibe herunter, die Klinkerwand ist feucht. Bislang fanden tiergestützte Fortbildungen vor allem mit Hunden statt. Doch wahre Führung lerne man bei Hunden nicht, sagt Neuse. Hunde seien Raubtiere, Opportunisten, die sich nur zusammenschließen, weil es die Jagd erleichtert. Überleben könnten sie auch allein, Pferde nicht.

Ein Pferd, ein Lehrer: Verena Neuse, Leiterin der "Pferdeakademie", stellt Führungskräften ihren Wallach vor.
Ich weiß alles über soziale Kompetenz - theoretisch
Neuses Teilnehmer treffen sich in einem geschlossenen Balkon, von dem aus die Teilnehmer in die leere Reithalle blicken. So wie Imke, die in einem Hamburger Recyclingunternehmen arbeitet, direkt unter der Geschäftsführung. Sechs Fortbildungen für Führungskräfte macht sie pro Jahr. Ich weiß alles über soziale Kompetenz“, sagt sie – theoretisch“.
Zwischenmenschlich komme sie noch immer nicht mit ihren Mitarbeitern aus. Neuse drückt einen Knopf, es dauert ein Paar Sekunden: Walzermusik. Die Pferde kommen in die Halle, imposante Friesen mit wehenden Mähnen.
Schaut, wie sie sich verhalten, achtet auf die Rangordnung“, sagt Neuse. Dazwischen tobt ein kleines Shetland-Pony herum. Es wurde für 50 Euro vor dem Schlachter gerettet. Jetzt lockert es die Gruppe auf. Die Teilnehmer bewegen sich zwischen den vier Pferden. Tina, Teamleiterin im selben hessischen Logistikunternehmen, hat Angst vor Pferden. Für sie ist das Seminar auch Therapie. Und was lässt sich von der Herde auf den Büroalltag übertragen? Neuse pflegt solche Fragen mit branchenüblichen Gleichnissen zu beantworten: Pferde sind Herdentiere und brauchen Führung. Genau wie Menschen.“
Kooperation ist gefragt - 600 Kilo Pferd lassen sich nicht ziehen
Die zweite Übung wird angesagt, Neuses Praktikantin sammelt derweil Pferdemist auf. Ein Pferd soll an einer Leine durch einen Parcours aus Stangen geführt werden. Keine so leichte Übung, wie es scheint, sagt Neuse: Wer nicht genau wisse, wohin er will, der könne auch nicht Mitarbeiter führen. Geduldig absolviert IT-Fachmann Dennis Eisele die Übung. Er spricht mit dem Pferd, setzt auf Kooperation, denn 600 Kilogramm Tier lassen sich nicht ziehen. Eisele ist Chef einer Abteilung, in der nur Frauen arbeiten.
Da sei ständige Kommunikation gefragt, aber ausgewogene: Ich kann mich nicht mal zu einer ins Büro stellen, sonst sind schnell alle anderen beleidigt.“ Was ausgerechnet Pferde daran ändern können? Mein Chef war auch hier und ganz begeistert.“ Verena Neuse, die 37 Jahre alte Pferdefreundin, sagt: Autorität kann man nicht vorspielen.“ Nebenbei lässt sie keinen Zweifel über die Rangordnung der Seminarteilnehmer aufkommen: Im Verlaufe des Seminars wird niemand von euch die Boxengasse betreten, ist das klar?“ Betretenes Nicken.
Teepause. Bücher liegen aus: Pferdeflüstern für Manager“, Von Pferden lernen“. Im Band Horse Sense“ steht, dass auch Feldherren wie Alexander der Große an Pferden ausgebildet wurden und nicht zuletzt von ihrem Reittier die richtige Mischung aus Stärke, Einfühlung und Verständnis gelernt haben – über Bukephalos zur gereiften Persönlichkeit.
Richtig und falsch gibt es in der Pferdeakademie nicht
Verena Neuse, gelernte Betriebswirtin, mochte Pferde schon immer lieber als ein Angestelltenverhältnis. Und so machte sie aus der Not eine Tugend. Pferde folgen dem Menschen, wenn er sich durch Glaubwürdigkeit, Selbstvertrauen und Zielbewusstsein auszeichnet. Wenn das nicht vorhanden ist, bleiben sie stehen. Das einmal auszuprobieren, dafür geben die Teilnehmer pro Person 1000 Euro aus.
Vodafone etwa schickt Führungskräfte regelmäßig zu Neuse in den Sachsenwald. Vom Boss zum Ross, das Geschäft läuft gut: Demnächst wird Neuse eine Berliner Dependance eröffnen. Ihre Franchise-Mitarbeiterin hat schon einen Stall gefunden und ist hochmotiviert.
Richtig und falsch gibt es in der Pferdeakademie nicht, nur Wirkung und Ignoranz. Das ist oft schwer zu kapieren“, sagt Neuse in der Halle. Ich hatte letztens einen Vorstand, der wollte partout jedes Hindernis korrekt absolvieren und stand eine Viertelstunde vor dem Hütchen, hat gezetert und am Pferd gezerrt – nichts passierte.“ Man komme über viele Wege zum Ziel, auch wenn der Weg nicht immer so verlaufe, wie vorher skizziert. Aufwand und Ertrag aber solle man gut abwägen. Ein Pferd registriert schnell, ob der Nebenmann sicher oder unsicher ist.
Bei der Übung Führen und Folgen kehrt Antje ihr Innerstes nach außen
Die Sächsin Antje kehrt ihr Innerstes nach außen. Führen und Folgen“ heißt die Übung – diesmal ohne Leine. Antje geht los, das Pferd soll hinterher. Beruhigend spricht sie auf das Pferd ein, entschuldigt sich für den Spaziergang. In der ersten Kurve bleibt das Tier stehen. Nichts passiert. Fünf Minuten geht das so. Antje redet, lobt, das Pferd steht, knabbert am Gatter und lässt die Ohren sinnlos abstehen. Aufmerksam ist das nicht.
Eine Flucht bereitet das Pferd auch nicht vor, denn es knickt die Hinterläufe ein. Kommunikation, auch die mittels Körperhaltung, sei alles, ruft Neuse. Antje ruft zurück, mit ihren Mitarbeitern gehe ihr das auch so.
Text: F.A.Z.