Von Hendrik Ankenbrand und Sebastian Balzter

Ukrainische Panzer und militärisches Gerät hatte die „MS Faina“ geladen, als Piraten sie vor der Küste von Somalia kaperten. Unser Bild zeigt die Crew sechs Wochen später
19. November 2008 Auch vier Monate später sitzt Holger Lehmann der Schreck noch in den Knochen. Das ist Wahnsinn, was da unten passiert“, kommentiert der Eigner der gleichnamigen Lübecker Container-Reederei die aktuelle Entführung der Sirius Star“ im Golf von Aden. Von Ende Mai bis Anfang Juli war Lehman selbst Betroffener: Sein 120 Meter langes Frachtschiff Timber“ wurde auf dem Weg aus dem Indischen Ozean zum Suez-Kanal von vier schwer bewaffneten Piraten überfallen und 41 Tage lang festgehalten.
Lehmann zahlte dem Vernehmen nach knapp eine halbe Million Euro für die Freilassung des Schiffs und der 15 Besatzungsmitglieder. Eine Zahl, die der Reeder offiziell nicht bestätigen will – und die zudem nicht annähernd“ an die wahren Kosten heranreiche: Die Lösegeldübergabe mithilfe der ganzen Sicherheitsexperten bringt unglaubliche Kosten mit sich.“
Sehr beunruhigt
Lehmanns Schiffe fahren derzeit nicht durch das gefährlichste Gewässer der Welt. Auch die auf den Transport von Chemikalien spezialisierte norwegische Reederei Odfjell hat am Montag für ihre 92 Schiffe beschlossen, den Umweg um das Kap der Guten Hoffnung in Kauf zu nehmen. Das wird signifikante Mehrkosten verursachen“, räumt der Vorstandsvorsitzende Terje Storeng ein. Wir erwarten die Unterstützung unserer Kunden.“
Etwa 20 Tage länger dauert die Fahrt von Asien nach Europa nach Auskunft des Verbands Deutscher Reeder (VDR) auf diesem Wege. Bei einem Mietpreis von etwa 35.000 Euro und Treibstoffkosten von 80.000 Euro je Tag würden sich Mehrkosten von 2,3 Millionen Euro je Strecke ergeben. Das würde den Welthandel ganz erheblich beeinträchtigen“, heißt es beim VDR. Etwa die Hälfte der 230 deutschen Reedereien lassen ihre Schiffe derzeit durch den Golf von Aden fahren, 25.000 Besatzungsmitglieder sind mit an Bord. Die sind sehr beunruhigt“, heißt es in der Branche; Personal lasse sich kaum noch finden. Deshalb fordert der Verband ausdrücklich den Einsatz der deutschen Marine auf den Schiffen.
Attacke mit Wasserschläuchen abgewehrt
Sich selbst geholfen haben vor zwei Wochen die Seeleute an Bord der Britta Mærsk“, einem 175 Meter langen Tanker der dänischen Mærsk Line, der größten Containerreederei der Welt. Das Schiff hatte Ölprodukte geladen, als es im Golf von Aden von Piraten attackiert wurde. Die Besatzung griff zu Hochdruck-Wasserschläuchen und wehrte die Attacke damit ab. Am Mittwoch hatte sich die Spitze von Mærsk Line noch nicht entschieden, wie sie generell auf den jüngsten Vorfall im Golf von Aden reagieren wird.
Schneller zum Beschluss ist die ebenfalls dänische Reederei Clipper Projects gekommen. Seit dem 7. November halten somalische Piraten deren 100 Meter langes Frachtschiff CEC Future“, mit einer Ladung Stahl auf dem Weg nach Malaysia, und seine dreizehnköpfige Besatzung unter Kontrolle. Die Verhandlungen über das Lösegeld seien in vollem Gang, berichtet Per Gullestrup, der Vorstandsvorsitzende der Reederei. Die 250 von der Clipper-Gruppe betriebenen Schiffe fahren bis auf weiteres nur noch mit militärischem Schutz durch den Golf von Aden. Soeben hat ein russisches Kriegsschiff die CEC Commander“ eskortiert, für die nächste Passage plant Gullestrup mit französischem Geleitschutz. Nur wenn eine Fregatte vorneweg fährt, ist man zurzeit sicher“, sagt Gullestrup. Eine bessere Idee hatten wir jedenfalls noch nicht. Die Situation ist wirklich eine Katastrophe.“
Selbst die Schiffe aufzurüsten, lehnen Reeder wie Holger Lehmann aus Lübeck ab. Nils Stolberg, der für die Befreiung des Frachters BBC Trinidad“ seiner Reederei Beluga Shipping insgesamt 2,5 Millionen Euro bezahlt hat, will hingegen vier seiner Schiffe mit so genannten Schallkanonen ausstatten, die herannahenden Piraten das Trommelfell platzen lassen sollen. Zudem schickt er vier Mal im Jahr seine Besatzung zu einem Psychologie-Training für den Entführungsfall. Längst haben aber auch private Sicherheitsfirmen die Reedereien als Kunden entdeckt. Wir bekommen viele Angebote, in denen es um bewaffnetes Personal geht“, berichtet Jan Fritz Hansen, der Vizedirektor des dänischen Reedereiverbands. Aber das halten wir prinzipiell nicht für den richtigen Weg. Die Staatengemeinschaft sollte die Sicherheit der Seefahrt garantieren.“
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AP
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